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Götzis dokumentiert die Corona-Krise

Das Projekt möchte die Erfahrungen der Menschen, die in dieser größten weltweiten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gemacht werden, festhalten.
Götzis dokumentiert die Corona-Krise

Wer hätte sich je vorstellen können, dass auch bei uns Menschen mit Atemschutzmasken das Straßenbild prägen und dass es nicht mehr möglich sein könnte, unsere betagten Verwandten in den Senioren- und Pflegeheimen zu besuchen. Von einem Tag auf den anderen musste auch die Bevölkerung von Götzis viele, seit Jahrzehnten gebräuchlichen Lebensgewohnheiten ändern, und es ist der raschen und konsequenten Haltung von Politik und Bevölkerung zu danken, dass sowohl die Zahl der Erkrankungs- und Todesfälle wie auch die Schärfe und Dauer der Einschränkungsmaßnahmen nicht jenes dramatische Ausmaß annahmen wie in Italien, Spanien, den USA, Brasilien oder dem Iran.

In Götzis lebt nur noch eine Handvoll Frauen und Männer, die 1920 während der letzten großen Pandemie, der sogenannten Spanischen Grippe, geboren wurden, aber es gibt niemanden mehr, der sich bewusst daran erinnern kann.

Die Spanische Grippe, die 1918 plötzlich auftrat und bis 1920 weltweit wütete, raffte, bei einer Weltbevölkerung von damals etwa 1,8 Milliarden, je nach Schätzung 20 bis mehr als 100 Millionen Menschen dahin. Sie hinterließ wahrscheinlich mehr Tote als jede andere Krankheit davor und danach in der Geschichte und mehr Tote als der Erste Weltkrieg. Eine Besonderheit der Spanischen Grippe war, dass ihr vor allem 20- bis 40-jährige Menschen erlagen.

Wie es der Bevölkerung damals erging, welche Ängste und Sorgen ihr Leben bestimmten, darüber wissen wir heute so gut wie nichts.

Das soll diesmal anders sein. Die Zeit des „lockdowns“, ab dem 16. März 2020, hat in uns allen Spuren hinterlassen. Ganz unterschiedliche. Manche ängstig(t)en sich sehr, andere zeig(t)en große Gelassenheit und wiederum andere hielten und halten das Ganze für eine Weltverschwörung.

In der vom Büro für Gemeinwesen der Marktgemeinde Götzis initiierten „Projektschmiede“ wurde am 1. Juli ein Oral History (Zeitzeug*innen) – Projekt mit dem Titel

Wie haben Sie die Corona-Krise erlebt?

ins Leben gerufen. Die Konzeption hat Wolfgang Berchtold übernommen.

Das Projekt möchte diese unterschiedlichen Erfahrungen, die in dieser größten weltweiten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gemacht werden, festhalten. Es geht um die Gefühle, Meinungen und Einstellungen der Götznerinnen und Götzner. Wir wollen sie festhalten, für die Nachwelt, aber auch für die heutigen Entscheidungsträger. Was können wir aus der Krise lernen? Was läuft mitunter falsch in unserem Alltag? Wie können wir als Gemeinde darauf reagieren? Inwiefern müssen wir unsere Lebensgewohnheiten mitunter ändern?

Seit Anfang Juli sind einige Schülerinnen und Schüler des BORG Götzis mit einem Fragebogen und einem Aufnahmegerät in Götzis unterwegs und besuchen Menschen verschiedenen Alters. Die Interviews werden aufgezeichnet und archiviert. Die Ergebnisse werden aber auch ausgewertet und, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn wir das Schlimmste überwunden haben, der Öffentlichkeit präsentiert.

 

Die Russische Grippe

Die Influenza-Pandemie von 1889 bis 1895 mit rund einer Million Toten, ist völlig in Vergessenheit geraten. Aber sie hat auch in Götzis Krankheit und auch Tod gebracht, wie man aus ein paar Zeitungsausschnitten jener Zeit nachlesen kann:

Meldungen aus dem Vorarlberger Volksblatt des Jahres 1890:
Götzis, 7. Jänner: Auch bei uns hat der unliebsame Gast, die Influenza, Einkehr genommen. Vor dem heiligen Dreikönigsfeste soll sie zirka in 30 Häusern sich eingenistet haben, wurde dem Schreiber dieses Beitrags erzählt. Heute sieht es bedeutend schlimmer aus; denn in gar vielen Häusern sollen 2 bis 3 Personen an der Influenza laborieren.

Götzis, 8. Jänner: Heute Mittag wurde daher die Schule geschlossen, weil die böse Influenza Alt und Jung auf einige Tage ans Bett, mindestens ans Zimmer fesselt. In einigen Klassen hätte heute mehr als die Hälfte Schulkinder gefehlt. Die geistlichen und weltlichen Honoratioren, sowie das Lehrpersonal erfreuen sich bislang der Gesundheit, mit Ausnahme des I. Gemeinderates, Bonifaz Loacker, welcher seit längerer Zeit schwer krank ist und heute auf sein Verlangen mit den heiligen Sterbesakramenten versehen wurde.

(Anm.: Bonifaz Loacker, der Stammvater der Götzner „Fazis“ und ein sehr engagierter Gemeindebürger, starb am 12. März 1890 im Alter von 32 Jahren.)

Vorderland, 7. Jänner:  Hier haust die Influenza arg, in manchen Häusern gestattet sie den Bewohnern nicht einmal, dass sie nacheinander krank sind, sondern wirft alle miteinander aufs Krankenbett oder auf die Ofenbank und kaum weiß man sich dann in Haus und Stall mit der Arbeit zu helfen.

Götzis, 18. Jänner: Heute früh 9 Uhr fand der Jahresgottesdienst für den hochwürdigen Herrn Pfarrer Christian Knecht selig statt. Die Teilnahme seitens der Pfarrgemeinde am Gottesdienste ihres sehr verdienten Seelsorgers war sehr zahlreich, wenn man den Umstand erwägt, dass Hunderte in der Gemeinde zur Zeit an der Influenza erkrankt sind, daher unvermögend, den Gottesdienst zu besuchen.

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